Frau Dr. Ute Kaufmann, Pädagogische Fachkraft für Supervision und Referentin bei der SAB im Interview

Teaser/Zusammenfassung:

Dr. päd. Ute Kaufmann stellt den „Alleskönner“ Schulbegleiter und ihre Aufgaben als „Supervisorin“ der SAB vor. Sie unterstreicht den Stellenwert von Inklusion und die Notwendigkeit von grundlegenden Veränderungen im deutschen Schulsystem.

Interview:

Von der Schulbegleiterin zur Supervisorin von rund 350 Mitarbeitern im gesamten Einzugsgebiet der SAB. Mussten Sie sich, Frau Dr. Kaufmann, nach diesem „Sprung“ erst einmal selbst akklimatisieren?

Kaufmann: Nein, der Übergang war sehr fließend. Meine Aufgaben innerhalb der SAB sind Stück für Stück gewachsen. Nach einem halben Jahr als Schulbegleiterin habe ich erste Seminare für Mitarbeiter gehalten. Von Kolleginnen und Kollegen wurde ich dann immer häufiger um Rat gefragt, bin bei Problemen zu Schulen gefahren. Wir haben schnell gemerkt, dass es zeitlich nicht möglich ist, auch noch selbst ein Kind zu betreuen. Schulbegleitung ist enorm wichtig und muss auch mit einer solchen Priorität behandelt werden.

Schenken Ihnen andere Schulbegleiter mehr Aufmerksamkeit, weil Sie „vom Fach“ kommen?

K: Das macht viel aus, da wir uns auf einer anderen Gesprächsebene treffen können. Unsere Fachkräfte sind sehr glücklich über das Angebot, sich an mich wenden zu können. Für den Job als Supervisorin sollten praktische Erfahrungen generell Voraussetzung sein, sonst fehlt das nötige Einfühlungsvermögen.
Die Zusammenarbeit mit allen Parteien ist beispielsweise essenziell. Das bezieht Eltern, Lehrer, Therapeuten, andere Einrichtungen und (Kosten-)Träger mit ein und erfordert hohe kommunikative Fähigkeiten. Vor allem neue Schulbegleiter informiere ich deshalb direkt über die Wichtigkeit der „Arbeit im Netzwerk“, bestärke sie, diese sofort in den Arbeitsalltag zu integrieren und zeige Möglichkeiten auf, wie man alle Parteien mit ins Boot holen kann.

Inwieweit helfen Ihnen Ihre Erfahrungen als Heilpädagogin im Arbeitsalltag?

K: Ich bin vertraut mit den Behinderungsbildern. Weiß, was sich hinter diesen verbirgt. So kann ich meinen Arbeitskollegen bessere Hilfestellungen geben, mit denen sie wiederum dem Kind einen großen Dienst erweisen. Oft sind es kleine praktische Tipps. Hat ein Kind Probleme mit der Zeiteinschätzung, kann man mit Sanduhren arbeiten. Kommt es zur Überreizung durch ein zu langes Arbeitsblatt, verdeckt man zunächst einen Teil. Ebenso ist es wichtig, Verhaltensweisen der Kinder zu erläutern.

Für Schulbegleiter und Sie selbst ergeben sich täglich neue Situationen. Ist dies Segen oder Fluch?

K: Das stimmt, wir müssen unheimlich flexibel sein. Man weiß nie, wie der nächste Tag aussieht, in welcher Stimmung das Kind ist. Hat es gut geschlafen? Gab es Ärger? Auch Vertretungslehrer sind Herausforderungen, da diese den gewohnten Tagesablauf durcheinander bringen können. Wer kein Interesse hat, sich täglich auf etwas Neues einzustellen, sollte besser einen anderen Beruf wählen. (lacht)

Ich finde es faszinierend, nehme ganz viel mit und transportiere Ideen von Schule zu Schule.

Können Sie ein Beispiel für eine „transportierte Idee“ nennen?

K: An einer Schule war ein Kind trotz Begleiterin recht auffällig. Als ich mich fragte, was ich unserer Mitarbeiterin an die Hand geben könnte, zeigte mir die Lehrerin, wie sich das Kind verhielt, wenn die Begleiterin nicht im Raum war. Sofort wurde klar, dass sich das Verhalten verschlechterte. Diesen Test nutze ich nun auch an anderen Schulen, um durch Vergleichsmomente Einfluss und Fortschritte besser beurteilen zu können. Denn die Schule war äußerst zufrieden mit der Arbeit meiner Kollegin.

In den letzten Jahren gab es einige Neuerungen im Schulsystem. Welche Änderungen beeinflussen das Anforderungsprofil des Berufes besonders?

K: Heute haben Kinder mit Beeinträchtigungen einen Rechtsanspruch auf den Besuch einer Regelschule. Dies führt dazu, dass die Erwartungen der Schulen an unsere Mitarbeiter enorm gewachsen sind. Rektoren und Lehrer gehen leider manchmal davon aus, dass die Begleiter schon dafür sorgen werden, dass sich das Kind „normal“ verhält. Wir sind aber keine Wunderheiler, Auffälligkeiten wird es immer geben. Das kann wiederum zu Konflikten mit Schulen führen, die den Begleitern falsche Arbeitsweisen vorwerfen. Die Schulen vergessen dabei, dass auch sie selbst weiterhin für das Kind verantwortlich sind.

Gibt es auch positive Erfahrungen?

K: Natürlich, viele Schulen setzen sich sehr ein. Ihnen ist klar, dass eine enge Zusammenarbeit mit Schulbegleitern im Interesse der Kinder ist. An einer Grundschule haben wir erstmalig eine Teamsitzung mit Schulbegleitern und Klassenlehrern geführt, die einen positiven Austausch bewirkte. Nach Hospitationen finden in der Regel Reflexionsgespräche statt. In diesen tauschen wir uns über die bisherige Arbeit aus und entwickeln gemeinsam Verbesserungsmöglichkeiten.
Welche Maßnahmen resultierten aus diesen Treffen?

Wir haben den Lehrern „individuelle Arbeitshinweise“ an die Hand gegeben und mit ihnen besprochen. Die von uns entwickelten Vordrucke definieren die Hilfestellungen, die ein Kind benötigt. Alles geschieht natürlich in Absprache mit den Eltern.

Das Beispiel zeigt, wie wichtig auch der Austausch mit Eltern und Erziehungsberechtigten ist.

K: Ohne die Mitarbeit der Eltern geht es nicht. Sie müssen informiert sein, wenn der Therapeut zusammen mit dem Schulbegleiter einen „Verstärkerplan“ entwickelt, da dieser natürlich auch Zuhause umgesetzt werden muss. Auch über die schulischen Vorgänge wird regelmäßig gesprochen.

Welche Funktion übernehmen Sie bei diesen Treffen?

K: Vorwiegend bin ich in der Vermittlerrolle aktiv. Zum einen höre ich den Eltern zu, wenn sie über Probleme berichten und nehme diese sehr ernst. Zum anderen stelle ich aber klar, welche Funktion ein Schulbegleiter hat. „Den Alltag erleichtern“ heißt, dass die Kinder so lange selbst aktiv mitmachen sollen, wie es ihnen möglich ist. Nur so wird Selbstständigkeit gefördert. Derzeit planen wir außerdem Elternabende, um Eltern besser über die Arbeit unserer Mitarbeiter informieren und noch intensiver einbeziehen zu können. Wir klären außerdem grundsätzlich ab, welche Informationen über die Diagnose des Kindes mitgeteilt werden dürfen.

Wie reagieren Sie und Schulbegleiter denn bei spontanen Fragen von Mitschülern?

K: Wenn sich andere Schüler über ein bestimmtes Verhalten wundern, versuchen wir dieses zu erläutern, ohne dem Kind dabei einen Stempel aufzudrücken oder die Absprache mit den Eltern zu verletzen. Ein Phänomen bei Autisten ist es, dass sie alles wörtlich nehmen. Redewendungen funktionieren nicht, Ironie ist ihnen fremd. Das können Mitschüler nicht wissen. Sinnvoll können daher Spiele und Übungen sein. Es gibt viele interessante Angebote von Autismus-Zentren, die diese vor Ort durchführen können. Dafür sind das Einverständnis der Eltern und die Absprache mit der Schule erneut ganz wichtig.

Welche Meinung zum Thema Inklusion und den aktuellen Bemühungen vertreten Sie?

K: Inklusion ist eine ganze tolle Sache und von immenser Bedeutung. Unter den aktuellen Bedingungen im deutschen Schulsystem ist die Umsetzung allerdings noch schwierig. Es bräuchte eine Bildungsreform, allein um klar zu machen, was Inklusion bedeutet: Individuelle Förderung des Einzelnen. Inklusion betrifft eben nicht nur Kinder, die auf Hilfe angewiesen sind, sondern bezieht alle mit ein. Das ist der grundlegende Unterschied zum Schlagwort „Integration“. Wenn dies wirklich umgesetzt würde, könnte der Vorwurf, „die normalen Kinder kämen zu kurz“, entkräftet werden.

Die engagierten Schulen sind leider den Bedingungen ausgeliefert. Gefordert ist letztlich die Landesregierung: Es bedarf kleinerer Klassen, mehr Personal und besserer Räumlichkeiten. Dass dies nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann, ist leider klar. Dennoch sollte man sich nicht auf den ersten Erfolgen ausruhen, sondern den Weg weiter beschreiten.

Zusatzinformationen:

Supervisorin Dr. päd. Ute Kaufmann (45) absolvierte erfolgreich ein Diplom-Studium der Heilpädagogik an der Universität Köln und promovierte im Anschluss in ihrem Fachbereich. In einer Kindertagesstätte war sie für den Aufbau und die Leitung einer integrativen Gruppe zuständig. Ebenso war sie in einer heilpädagogischen Praxis tätig. Bei der SAB startete Kaufmann als Schulbegleiterin.

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