Rasta-Roller on Tour

claudio_frank-1-1Lässt man sich nicht beirren, dann ist (fast) alles möglich. Claudio Giudice (26) erfüllt sich seinen großen Traum: Off to Jamaica – mit SAB.Ruhr-Assistenten und Rollstuhl zu Reggae und Rastafari.

Türkisfarbenes Meer und weißer Strand – begrenzt durch Palmen und Grün. Unter der strahlenden Südsee-Sonne werden Postkartenklischees Realität. Entspannte Klänge und ein kühles Getränk versetzen Körper und Geist in Urlaubs- und Ruhemodus. Die Reifenspuren schlängeln sich durch den feinen Sand, hin zum Ozean, wo der Rollstuhl auf seinen Fahrer wartet: Claudio Giudice ist endlich angekommen und kann sich treiben lassen: Jamaika, Westküste, Negril.

Über ein Jahr lang geplant
Als der 25-Jährige im letzten Jahr erstmals seinen Reisewunsch äußerte, nahm ihn noch keiner allzu ernst: „Das war mir relativ egal. Ich wollte es schaffen. Klar war nur, dass auch ein Betreuer mitziehen müsste“, beschreibt Claudio den Auftakt der Planungen. „Als ich Jamaika als Reiseziel nannte, fiel ein Assistent aus allen Wolken, aber jetzt steht’s!“
SAB.Ruhr-Mitarbeiter Frank Glinka (45) betreut Claudio, der aufgrund der Erbkrankheit Osteogenesis imperfecta auf einen Rollstuhl und Hilfe angewiesen ist, seit seinem Einzug in die SAB-Rollstuhlfahrer-WG am Wallbaumweg im Jahr 2012. Und begleitet ihn auf seiner „Journey to Jah“.

Rollstuhl, Reggae, Rastafari
Am 30. November hebt der Flieger in Frankfurt ab, knapp zwölf Stunden später landen die beiden in Montego Bay, der Tourismushochburg im Nordwesten Jamaikas. Zwei Wochen lang haben sie Zeit, Land(schaft), Leute, Kultur und Tierwelt kennenzulernen, bevor am 15. Dezember die Rückkehr in den Alltag ansteht. „Ich bin sehr gespannt. Als alles in trockenen Tüchern war, musste ich es erstmal sacken lassen und war sehr aufgelöst.“ Ganz fest eingeplant: „Bob Marley Museum und Denkmal in Kingston und sein Grab muss ich auf jeden Fall sehen“, nennt Claudio drei Wunschziele. Die verstorbene Reggae-Ikone ist das große Idol des Bochumers, der selbst seit einem Jahr Dreadlocks trägt.
In seinem Zimmer prangt die Musiklegende auf einer großen Fahne, daneben hängt eine grün-gold-rote Flagge mit dem Löwen von Juda. Marley war Anhänger und Botschafter der Rastafari-Bewegung.
Die weiteren Stationen der Reise möchte Claudio vor Ort festlegen, vor allem in die Stimmung eintauchen in den Clubs, Bars und Straßen Jamaikas, aber „auch mal zwei Tage am Strand chillen“.

Barrierefreies Apartment direkt am Meer
Für einen reibungslosen Ablauf wird Frank sorgen, der sich bereits um Teile der Organisation kümmerte: „Dafür bin ich ihm sehr dankbar, ich bin nicht so das Orga-Talent“, amüsiert sich Claudio über sich selbst. Frank suchte eigenständig, verglich Angebote, verhandelte und senkte so die Reisekosten um mehr als die Hälfte für beide. „Und trotzdem bekommen wir deutlich mehr geboten, als beim ersten, überteuerten Angebot“.
Die perfekte „Basis“ zur Erkundung des karibischen Inselstaates war schnell gefunden: Das „Lighthouse Inn 2“ im ruhigen Örtchen Negril, abseits der Touristenmeilen, bietet barrierefreie, geräumige Apartments mit befahrbarer Dusche und einen extra Strandrollstuhl, der nicht im Sand versinkt. „Die Anlage liegt direkt am Meer und wird von einem Jamaikaner mit seiner deutschen Ehefrau, die Krankenschwester ist, betrieben“, ergänzt Betreuer Frank. „Das ist für mich wichtig. Falls mal irgendwas sein sollte, hätte man direkt eine fähige Ansprechpartnerin.“

Eingespieltes Team
Freilich geht keiner davon aus, dass etwas passieren wird. Die beiden kennen sich seit vier Jahren, verstehen und schätzen sich gegenseitig, bei klar verteilten Rollen, sagt Frank: „Mein Anliegen ist es, dass Claudio eine super Zeit auf Jamaika hat. Meine Bedürfnisse stelle ich ganz hinten an.“ Die Reiseveranstalter hätten zwar vor manchen ‚Ecken‘ gewarnt, die man als Tourist abends besser meiden sollte, beide sehen es aber realistisch: „Es gibt überall unsichere Pflaster und ich werde nicht unvernünftig sein. Von einem Bekannten, der mit Rollstuhl in Kingston (Hauptstadt) unterwegs war, habe ich gehört, dass alle extrem freundlich zu ihm waren und es keinerlei Probleme gab“, erzählt Claudio. Sollte es doch mal brenzlig werden, geht „die Gesundheit vor Sightseeing und ich bring uns weg“, stellt sein Betreuer klar.

Durch Betreuer zum Festival-Dauergast
Das Abenteuer ist Claudio mittlerweile längst gewohnt. Seit 2013 sind er und sein Assistenz-Team Dauergäste auf Reggae-Festivals in ganz Deutschland. Dort fühlt er sich „unter seinesgleichen“ und lebt die entspannte Kultur. „Vor der SAB bin ich nicht auf Konzerte oder Festivals gegangen, bis ein Assistent fragte: ‚Warum nicht? Riskier es doch einfach mal.‘ Damit ging es los.“
Keine Samthandschuhe
Klar sei er aufgrund seiner „Glasknochen“, wie Osteogenesis imperfecta umgangssprachlich genannt wird, eingeschränkt: „Aber eigentlich ist es das falsche Wort. Ich breche mir zwar leichter etwas, als andere, muss und möchte aber nicht mit Samthandschuhen behandelt werden“, stellt er selbst klar und wird von Frank bestätigt: „Das mache ich auch nicht. Wichtig ist es, Claudio nicht als ‚behindert‘ zu sehen. Er ist eingeschränkt, nimmt ansonsten aber am normalen Leben teil, wie jeder andere auch, hat einen riesigen Freundeskreis und ist ständig auf Tour. So sollte es sein, das unterstütze ich gerne – auch mal über die Arbeitszeiten hinaus.“

Kurzurlaub mit dem Assistenz-Team
Nicht nur mit Frank klappt es wunderbar: „Mein gesamtes Team ist super. Ich bin echt stolz, wie unkompliziert alles ist. Letztes Jahr habe ich spontan einen Kurzurlaub in Holland vorgeschlagen. Alle waren sofort dabei und es wurde richtig lustig.“

Facebook-Seite zeigt, was möglich ist
Bis zum Abflug nach Jamaika stehen erstmal noch weitere Konzerte und Festivals an. Eingrooven für die Live-Musik in Negril. Immer dabei – das Smartphone: „Ich habe eine Facebook-Seite gegründet, um anderen Rollerfahrern zu zeigen, was mit einem guten Assistenz-Team alles möglich ist.“ Als „Rasta-Roller-on-Tour“ bloggt Claudio über seine Freizeit, teilt Fotos und Erfahrungen – kaum eine Woche vergeht dabei ereignislos.
Ab dem 30. November heißt es dann wirklich „Outta Babylon to Jamaica“ – stay blessed, im „Land we love“.

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