Zwischen Krisenmanager und Vertrauensperson: Der Allrounder Schulbegleiter

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Innovatives fünftägiges Blockseminar der SAB stellt sich steigenden Anforderungen an Mitarbeiter. Hilfsbedürftige Kinder im neuen Schulalltag betreuen und durch erfolgreiche Inklusion auf ein selbstständiges Leben vorbereiten. Gleichzeitig Krisen vorbeugen und zwischen verschiedenen Parteien vermitteln.

Ab wann führen Inklusionsmaßnahmen zur Separation des von mir betreuten Schulkindes? Wie bereite ich ein beeinträchtigtes Kind auf ein selbstständiges Leben vor? Wie kann ich Krisen verhindern, bevor diese ausbrechen? Dies sind nur einige elementare Fragen, mit denen sich Schulbegleiter täglich beschäftigen müssen.

Ziele und Anforderungen

In der SAB fand im Oktober erstmals ein Kompaktkurs statt, der Lösungswege aufzeigen soll. Geschäftsführer Deni Halilovic: „Unser Ziel ist es, Menschen mit Behinderungen an ein selbstständiges Leben heranzuführen und sie am ersten Arbeitsmarkt zu platzieren. Hierzu benötigt es frühzeitiger Förderung durch qualifiziertes Fachpersonal – in allen Lebensbereichen.“
Hinzu kommt, dass Schülerinnen und Schüler seit Beginn des aktuellen Schuljahres gemeinsam lernen. Egal, ob sie sonderpädagogische Unterstützung benötigen oder nicht: „Dadurch steigen die Anforderungen an das Berufsbild. In der Vergangenheit wurde viel häufiger improvisiert. Wir verfolgen andere Ansprüche“, führt Halilovic aus.

Thüringer Modell

Das neue Fortbildungskonzept der SAB orientiert sich dabei am „Thüringer-Modell“, einem bundesweiten Pilotprojekt für eine einheitliche Qualifizierung von Schulbegleitern (Verlinkung einbauen?! Weitere Infos: Artikel Mindeststandards). Sechs verschiedene Module wurden 60 Mitarbeitern komprimiert innerhalb einer Woche vermittelt. Schulbegleiter sollen so besser vorbereitet und fortgebildet werden. Durch den Workshop-Charakter des Seminars können die Teilnehmer die Einheiten selbst mitgestalten. Neue Inhalte, die in der literarischen Theorie nicht gegeben sind, sollen ihnen im Einsatz, speziell im Schulalltag, helfen.

Ute Kaufmann, Supervisorin und Referentin, stellt die Vorteile heraus: „In der Ferienzeit waren die Teilnehmer entspannter und aufnahmebereiter. Hier haben sie auch die nötige Zeit, um reflektieren zu können. Durch die kompakte Form ergeben sich zudem Querverweise und Dialoge zwischen Dozenten und Mitarbeitern.“

Tägliche Gratwanderung

Kaufmann arbeitete früher selbst als Schulbegleiterin, spricht somit aus eigener Erfahrung und kennt die Bedürfnisse der Teilnehmer. „Zu meinen heutigen Aufgaben gehören Besuche vor Ort. Auch, aber nicht nur in Krisensituationen. Im Idealfall möchten wir prophylaktisch agieren und Tipps an die Hand geben, die Ernstfällen vorbeugen.“ Dabei müssen Schulbegleiter zahlreiche Kompetenzen vereinen:

– sie fungieren als Vermittler zwischen Eltern, Lehrern und Mitschülern,

– treten im Notfall als Krisenmanager deeskalierend auf,

– sind Integrationshelfer

– und nicht zuletzt Vertrauenspersonen für die Kinder.

Eine vorherige fachliche Ausbildung ist somit Voraussetzung: „Wir gehen nun den nächsten logischen Schritt. Denn das Kunststück ist es, herauszufinden, wann ich eingreife und z.B. bestimmte Verhaltensweisen des autistischen Kindes Mitschülern erkläre“, sagt Kaufmann.

Kommunikation

Daher ist Kommunikation und adäquates Verhalten ein wichtiger Teil der Fortbildung. Begleiter dürften keinesfalls als „Bodyguards ausgenutzt“ werden, sagt SAB-Koordinator Andreas Buchholz: „Der geistige oder körperliche Nachteil soll durch stetiges Eingreifen nicht zum Vorteil genutzt werden. Das wäre der falsche Ansatz, um dem Kind Selbstständigkeit zu vermitteln.“

Keine Patentlösung

Ebenso sei eine Überpräsenz hemmend: „Wenn in einer Klasse vier ‚Aufsichtspersonen‘ sitzen, hilft das keinem.“ So sind, vor allem in Dortmund, auch „Klassenhelfer“ im Einsatz, die Klassenverbände statt Einzelne betreuen. „Die fehlende Fokussierung kann bei der Integration helfen, ist aber längst nicht für jedes Kind geeignet“, sagt Kaufmann. Eine Patentlösung gebe es ohnehin nicht. In Arbeitsgruppen wurde daher nach geeignetem Handwerkszeug gesucht, um das theoretische Fundament zu erweitern und flexibler zu gestalten. Letztlich bleibt jeder Tag eine Überraschung, ein starres „Vorgehen nach Vorschrift“ ist nicht nur realitätsfremd, sondern auch nicht erwünscht.

Inklusion

Einstimmig betonen Halilovic, Kaufmann und Buchholz, dass „Inklusion absolut erstrebenswert ist, aber noch viel passieren muss.“ Halilovic hofft gar auf „eine revolutionäre Bewegung, weg vom Verwertbarkeitsprinzip des Einzelnen hin zu einer offenen Gesellschaft.“

Zusatzinformationen:

Bei ca. 80 Prozent der betreuten Kinder wurde Autismus diagnostiziert. Die Blockseminare beschäftigen sich deshalb intensiv mit dieser Entwicklungsstörung, gehen jedoch auch auf andere Beeinträchtigungen ein und vermitteln Grundlagenwissen. Richtiges Verhalten wird mithilfe von Erfahrungsberichten und potenziellen Fällen trainiert, die von den Teilnehmern selbst eingebracht werden können.

Während des gesamten Schuljahres veranstaltet die NRW-weit agierende SAB außerdem Einzelseminare und Weiterbildungsmaßnahmen für die rund 350 Schulbegleiter. Bei diesen geht es u.a. um das berufliche Selbstverständnis und die Selbstverortung im Arbeitsablauf. Die bisherigen Rückmeldungen der Teilnehmer zeigen: das neuartige Blockseminar wird sehr positiv aufgenommen. Eine Wiederholung bzw. Weiterführung ist in Planung.

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